„Ich trank heimlich Sekt auf der Bürotoilette“

Beim Thema Alkohol am Arbeitsplatz, also Saufen auf Arbeit, steigen Bilder wie betrunkene Bauarbeiter, Handwerker, oder spontane popup Betriebsfeiern, veranstaltet von schmierigen Abteilungsleiterstellvertretern, vor dem geistigen Auge auf.

 

Junge, schöne, begabte, intelligente Frau trinkt heimlich auf der Bürotoilette; dieses Bild durchkreuzt einschlägige Klischees.

 

Nachfolgend erfahren wir mehr über die Alkoholkarriere einer jungen Frau, die zeigt: Alkokoholabhängigkeit hält sich nicht an die Voreingenommenheit von Normalos.

Alkoholsucht verbreitet sich überall in unserer Gesellschaft.

Status, Ansehen, Alter oder Geschlecht schützen nicht vor der Gefahr – Argumente wie “ich gehöre nicht zur klassischen Zielgruppe” sind dem Alkoholismus wurscht.

 

 

Artikel_http://zeit.de/

Protokoll: Juli Katz

 

Hunderttausende Beschäftigte in Deutschland sind süchtig. Warum fällt es oft keinem auf? Eine ehemalige Modelbookerin, die acht Jahre lang bei der Arbeit trank, erzählt.

 

Wahrscheinlich hat jeder und jede bereits einen alkoholabhängigen Kollegen oder eine süchtige Kollegin gehabt, ohne es zu merken.

Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen schätzt, dass etwa fünf Prozent der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer alkoholabhängig sind.

Hier erzählt Vlada, 33, warum ihre Krankheit jahrelang bei der Arbeit nicht auffiel und wie ihr eine Jobabsage wieder auf die Beine helfen konnte.

 

 

Ich wurde vor etwa zehn Jahren alkoholabhängig

 

In der Zeit, in der ich trank, habe ich unter anderem als Au-pair, in einer Wirtschaftskanzlei und als Modelbookerin gearbeitet.

Aufgefallen ist es niemandem, obwohl ich in meiner schlimmsten Phase schon morgens eine Flasche Weißwein getrunken habe und abends eine Flasche Wodka oder mehr.

Ohne den Alkohol im Blut machten sich Entzugserscheinungen bemerkbar.

Ich wurde zum Beispiel so nervös, dass meine Hände und Mundwinkel anfingen, zu zittern.

Ich habe mich dafür geschämt und wollte meinen Zustand vor Kollegen und Kolleginnen verheimlichen.

Das hat aber nur funktioniert, wenn ich bei der Arbeit getrunken habe.

In der Mittagspause kaufte ich deshalb ab und an kleine Piccoloflaschen, die gut in meinen Rucksack gepasst haben.

Ich trank dann heimlich Sekt oder Weißwein auf der Bürotoilette oder im Treppenhaus.

Danach ging ich an meinen Arbeitsplatz und machte weiter, als sei nichts gewesen.

 

 

Das exakte Anfangsdatum ist nicht festzumachen

 

Wann das Trinken bei mir zu einer Krankheit wurde, kann ich nicht genau sagen.

In meiner Familie wurde gut und gerne Alkohol getrunken, und heute weiß ich, dass mindestens zwei meiner Verwandten abhängig waren.

Einige wichtige Menschen in meinem Leben versuchten, ihre Probleme im Alkohol zu ertränken – und als Jugendliche habe ich das nachgemacht.

Gleichzeitig gehört Alkohol in Deutschland so selbstverständlich zum Alltag dazu, dass es niemandem auffällt, wenn eine Person oft oder zu viel trinkt.

Schon als Studentin war ich gern auf Partys unterwegs, bei denen ein Vollrausch dazugehörte.

Beim Berufseinstieg habe ich damit einfach weitergemacht.

 

„Wenn ich nach Feierabend mit Kollegen unterwegs war, habe ich zuvor zu Hause vorgetrunken.“

Vlada, 33 Jahre

 

 

Als ich in der Modelagentur arbeitete, kam ich montags auch mal nach einer 18-Stunden-Party verkatert ins Büro.

Ich machte mir keine Sorgen um mich, da ich dachte, dass es anderen genauso geht.

Auch meine Kolleginnen und Kollegen haben solche Situationen eher weggelächelt.

Dabei hätte ich eigentlich dringend einen Menschen gebraucht, der mich zur Seite nimmt und mir sagt, dass mein Verhalten alles andere als normal ist.

Doch niemand hat gemerkt, wie viel ich trank – obwohl wir in einigen Büros, in denen ich gearbeitet habe, nur zu dritt oder zu viert waren.

Wahrscheinlich bin ich auch deshalb nicht aufgeflogen, weil ich meine Arbeit trotzdem immer noch gut gemacht habe.

 

Ohne das Gift in meinem Körper wäre ich sicherlich schneller gewesen oder der ein oder andere Flüchtigkeitsfehler wäre nicht passiert.

Aber solange man im Job einigermaßen funktioniert, sagt niemand etwas.

Wahrscheinlich, weil man damit eine persönliche Grenze überschreiten würde.

Außerdem habe ich im Büro meistens die Selbstbewusste gespielt und dadurch die Sucht gut verstecken können.

Über die Jahre habe ich eine Reihe von Tricks entwickelt:

Wenn ich nach Feierabend mit Kollegen zu einer Veranstaltung oder in einer Bar unterwegs war, habe ich zuvor zu Hause vorgetrunken, damit nicht auffällt, dass ich eigentlich dreimal so viel benötige wie alle anderen.

Im Büro habe ich immer sehr auf körperliche Distanz geachtet, damit niemand den Alkohol riecht.

Das war vor allem dann problematisch, wenn mir jemand etwas am Computer zeigen wollte.

Ich habe dann die Luft angehalten und in die andere Richtung ausgeatmet.

 

Nach zehn Jahren Trinken hat man mir meine Sucht auch körperlich angesehen.

Mein Gesicht war aufgequollen, meine Hände haben gezittert und waren angeschwollen.

Ich hatte Angstzustände, war ständig nervös und konnte ohne den Alkohol nicht mehr schlafen.

Aber in all den Jahren hat mich nur eine einzige Vorgesetzte in einer Agentur darauf angesprochen und mir gesagt, dass sie sich Sorgen macht.

Sie hatte selbst eine Burn-out-Erfahrung hinter sich und fürchtete, dass es mir genauso ergehen könnte.

Sie kam damals aber nicht drauf, dass ich alkoholabhängig bin, und ich habe es auch nicht übers Herz gebracht, es ihr zu erzählen.

Aber als ich Anfang 2018 eine Therapie beendete, habe ich Kontakt zu ihr aufgenommen.

Ich habe ihr erklärt, was mit mir los war, und mich bei ihr entschuldigt.

Ich hatte das Gefühl, sie enttäuscht und hintergangen zu haben.

Überhaupt: In der Zeit, in der ich trank, habe ich mich immer gegenüber meinen Vorgesetzten geschämt.

 

 

Viele Menschen trinken wegen des Stresses im Job.

Bei mir war das Gegenteil der Fall: Ich wusste oft nicht, was meine Aufgabe ist, und war dadurch unterfordert und sehr verunsichert.

Außerdem hatte ich immer den Eindruck, ich mache zu wenig, und habe keinen Sinn in meiner Arbeit gesehen.

 

Heute weiß ich, dass ich in keinem meiner Jobs richtig glücklich war.

Etwas Neues auszuprobieren, habe ich mir damals aber nicht zugetraut.

Ob nüchtern oder alkoholisiert, ich hatte immer mit starken Selbstzweifeln zu kämpfen.

 

Der Zusammenbruch

Meine schlimmste Phase hatte ich 2017.

An manchen Tagen war es so schlimm, dass ich morgens vor der Arbeit getrunken habe, weil ich nicht einmal einen Stift in meiner Hand halten konnte, ohne dass meine Hände gezittert haben.

Oft besorgte ich mir schon direkt nach dem Aufstehen eine Weißweinflasche.

Dafür bin ich jeden Morgen in einen anderen Kiosk gegangen, damit die Verkäufer keinen Verdacht schöpfen.

Den Alkohol habe ich auf leeren Magen getrunken, während ich mich für die Arbeit fertig gemacht habe.

 

Da wurde mir langsam klar, dass ich ein riesiges Problem habe.

Trotzdem habe ich ein paar Monate lang so weitergemacht. 

Der endgültige Zusammenbruch kam, als die Beziehung zu meinem damaligen Freund in die Brüche ging.

Außerdem platzte noch eine Festanstellung, die mir in Aussicht gestellt worden war.

Die Castingagentur, von der ich eine Jobzusage hatte, konnte mich doch nicht übernehmen.

Das war zu viel für mich. Ich saß tagelang allein zu Hause, trank und war völlig am Ende.

 

 

Einmal brachte mich eine damalige Freundin wegen schlimmer Angstzustände ins Krankenhaus.

Ich hatte über 3,1 Promille im Blut.

Menschen, die nicht alkoholabhängig sind, würden sich bei einem solchen Wert längst übergeben und könnten nicht mehr stehen.

Ich konnte aber noch laufen und mich ganz normal unterhalten. Das hat mir gezeigt, wie abhängig ich wirklich war.

„Ich habe verstanden, dass ich nicht allein bin und dass es okay ist, manchmal schwach zu sein.“ Vlada, Bloggerin

Heute denke ich: Die Jobabsage war im Endeffekt das Beste, was mir passieren konnte.

Den Castingjob hätte ich emotional und körperlich nicht ausführen können.

Vielleicht musste ich auch erst mal ganz tief ankommen, um zu verstehen, wie sehr ich Hilfe brauchte.

 

Erster Entzug und Rückfall

Kurz nach dem Vorfall im Krankenhaus bin ich für ein paar Wochen zu meinen Eltern gezogen.

Ich habe mit ihnen offen über meine Probleme gesprochen und mich mit ihrer Hilfe für drei Wochen in eine Entzugsklinik einweisen lassen.

 

Nach dem Aufenthalt ging es mir zwar vorerst besser, doch er hat nicht gereicht, um meine Probleme zu verstehen und sie wieder in den Griff zu bekommen.

Eine Woche nach Entlassung war ich wieder überfordert und angespannt, und trank genauso viel wie zuvor.

Nach der Entgiftung konnte mein Körper das aber nicht mehr verarbeiten.

Also bin ich wieder im Krankenhaus gelandet und musste mir eingestehen, dass ich über einen längeren Zeitraum therapeutische Hilfe benötige, um mein Leben gesünder auszurichten.

 

 

Ich habe daraufhin eine 27-wöchige Therapie angefangen.

 

Ich habe in dieser Zeit verstanden, dass ich nicht allein bin und dass es okay ist, manchmal schwach zu sein.

Als ich noch einen Job hatte und den Anschein aufrechterhalten konnte, alles sei in Ordnung, habe ich mir diese Schwäche nicht gestattet.

 

 

Mittlerweile bin ich clean, trocken und stabil.

Ich bin zufriedener mit mir und meinem Leben, als ich es jemals war.

Ich achte heute viel mehr auf mich, habe mich beruflich neu orientiert und mein Umfeld geändert.

Heute arbeite ich als Streetworkerin und mache nebenbei eine Ausbildung zur psychologischen Beraterin.

Außerdem blogge ich über das Leben mit der Sucht.

 

Im Gegensatz zu meinen vorherigen Jobs sehe ich jetzt einen Sinn in meiner Aufgabe und gehe gern zur Arbeit.

So absurd es klingt: Meine Krankheit hatte auch etwas Gutes.

Sie hat viel kaputtgemacht – aber mir auch den Weg in ein erfüllteres Leben eröffnet. 

 

 

Vlada´s Blog:

http://www.herzsuchtfluss.de/